„Aber Trockenfutter reinigt wenigstens die Zähne!“
Wenn ich diesen Satz höre, weiß ich, dass wir beim letzten Verteidigungsversuch fürs Trockenfutter angekommen sind. Er kommt vom Züchter, aus dem Tierarzt-Wartezimmer, aus Foren und von der Packung gleich mit. Und er hat eine wunderbare Funktion: Er beruhigt dein Gewissen. Keiner von uns will mit seiner Katze oder seinem Hund wegen Zahnproblemen zum Tierarzt. Und natürlich wäre es mega praktisch, wenn man Trockenfutter hinstellen könnte und alle Zahngeschichten wie Zahnstein und Co. wären erledigt.
Reinigt Trockenfutter wirklich die Zähne?
Das weitverbreitete Märchen der „Zahnreinigung“
Die Idee klingt zunächst logisch: Trockenfutter ist hart, Kauen erzeugt Reibung, Reibung reinigt die Zähne. Soweit die Theorie. In der Praxis ist dieser Zusammenhang jedoch kaum haltbar. Das Märchen hat sich vor allem deshalb so hartnäckig gehalten, weil es von der Futtermittelindustrie aktiv gefördert wurde und weil es bequem ist. Wer glaubt, sein Tier pflege beim Fressen nebenbei seine Zähne, muss sich um das Thema Zahnpflege keine weiteren Gedanken machen.
Was beim Kauen von Trockenfutter tatsächlich passiert
Wenn ein Hund oder eine Katze ein Stück Trockenfutter in den Mund nimmt, passiert eines von zwei Dingen: Entweder zerbricht es innerhalb von Sekundenbruchteilen, wird mit Speichel vermischt und geschluckt. Von echtem Kauen kann man hier kaum sprechen. Oder das Tier kaut etwas länger, wodurch sich die Stärke mit dem Speichel zu einem klebrigen Brei verbindet, der sich wie eine Paste um die Zähne legt. Beides ist problematisch. Im ersten Fall ist die Kontaktzeit zwischen Futter und Zahnoberfläche so minimal, dass kein Reinigungseffekt entsteht. Im zweiten Fall hinterlässt das Futter genau den Belag, der langfristig Zahnstein begünstigt.
Plaque ist aber nicht nur die Vorstufe von Zahnstein. Die Bakterien darin können auch das Zahnfleisch reizen und Entzündungen auslösen. Bleibt diese Entzündung bestehen, kann daraus eine Parodontitis werden. Dann sind irgendwann nicht mehr nur Zahnfleisch und Zähne betroffen, sondern auch das Gewebe und der Kieferknochen, die den Zahn halten.
Warum mechanischer Abrieb kaum stattfindet
Für eine mechanische Reinigung bräuchte es einen anhaltenden Reibeeffekt entlang der Zahnoberfläche und insbesondere am Zahnfleischrand. Nämlich genau dort, wo sich Plaque und Zahnstein bevorzugt ablagern. Das funktioniert nur, wenn ein Tier länger und intensiver kaut, dabei Druck aufbaut und das Material an der Zahnoberfläche entlanggeführt wird. Trockenfutter erfüllt keine dieser Voraussetzungen. Es zerfällt zu schnell, hat keine faserige Struktur und erreicht den Zahnfleischrand so gut wie nicht.

Was Studien und Untersuchungen wirklich über Trockenfutter und Zähne zeigen
Tausend Hunde untersucht und der große Vorteil bleibt aus
Wenn Trockenfutter beim Kauen tatsächlich die Zähne reinigen würde, müsste sich das auch in Untersuchungen ziemlich deutlich zeigen.
Tut es aber nicht.
In einer Untersuchung mit 1.350 Hunden wurden unter anderem Zahnstein, Zahnfleischentzündungen und der Abbau des Knochens rund um die Zähne betrachtet. Verglichen wurden Hunde, die ausschließlich Trockenfutter bekamen, mit Hunden, die anders gefüttert wurden.
Das Ergebnis war ziemlich unspektakulär: Die Forscher fanden nur wenige erkennbare Unterschiede zwischen den Gruppen. https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/089875649601300304
Leider weiß man nicht, was die anderen Hunde genau zu fressen bekamen. Und das wäre verdammt interessant gewesen. Denn „anders gefüttert“ kann alles Mögliche heißen. Genauso gut kann darunter jede Menge stark verarbeitetes Nassfutter mit viel Stärke und anderen Zutaten gewesen sein, die Plaque ebenfalls begünstigen können. Bei 1.350 Hunden würde es mich ehrlich gesagt sogar wundern, wenn es anders gewesen wäre. Wissen tun wir es aber nicht.
Mich hätte der Vergleich mit einem wirklich hochwertigen, naturnahen Nassfutter interessiert. Durch mein Wissen und meine Erfahrung, gehe ich davon aus, dass dann das Trockenfutter haushoch verloren hätte.
Aber eines zeigt die Untersuchung trotzdem ziemlich schön: Selbst gegenüber irgendeiner nicht näher beschriebenen anderen Fütterung hatte Trockenfutter keinen deutlichen Vorteil.
Für einen angeblichen Zahnputz-Effekt ist das ziemlich dünn.
Was zahnmedizinische Leitlinien dazu sagen
Auch internationale Leitlinien zur Zahnmedizin bei Hunden und Katzen stützen die Behauptung nicht, dass normales Trockenfutter die Zähne zuverlässig reinigt.
Dort wird ebenfalls beschrieben, dass normales Trockenfutter beim Zubeißen zerbricht und dadurch gerade am entscheidenden Zahnfleischrand kaum mechanische Reinigung stattfindet.
Damit bestätigen die Leitlinien ziemlich genau das Problem, das wir uns weiter oben angeschaut haben: Nur, weil etwas hart ist und beim Fressen knackt, wird daraus noch lange keine Zahnpflege.
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jsap.13132

„Aber es gibt doch Dental-Trockenfutter!“ Der Versuch, das Märchen zu retten
Der Zahnstein wird weniger aber warum eigentlich?
Dental-Trockenfutter unterscheidet sich von normalem Trockenfutter. Die Stückchen sind häufig größer oder anders aufgebaut, damit der Zahn beim Kauen tiefer eindringt. Das allein kann die Zahnsteinbildung zwar etwas reduzieren, erklärt aber nicht die besonders starken Effekte mancher Dental-Trockenfutter.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18309857
Für die deutlich stärkere Wirkung kommen leider häufig zusätzlich Polyphosphate wie Natriumhexametaphosphat oder Natriumtripolyphosphat zum Einsatz. Diese Stoffe binden Calcium im Speichel. Dadurch steht weniger Calcium zur Verfügung, um Plaque zu mineralisieren und Zahnstein zu bilden.
Und genau mit dieser zugefügten Chemie werden dann auch die deutlich höheren Werte erreicht. In Studien wurde die Zahnsteinbildung je nach eingesetztem Polyphosphat und Dosierung um bis zu 60 bis 80 Prozent reduziert.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/7574160
Gibt es einen Preis, den das Tier zahlen muss?
Polyphosphate gehören zu den anorganischen Phosphatverbindungen. Besonders ausführlich wurde deren Einfluss auf den Mineralstoffwechsel bei Katzen untersucht.
In einer kontrollierten Untersuchung mit gesunden Katzen stieg FGF23 bei einer phosphorreichen Ernährung mit zugesetztem anorganischem Phosphor innerhalb von vier Wochen auf mehr als das Fünffache. Gleichzeitig stieg PTH, 25-OH-Vitamin-D sank und Marker des Knochenstoffwechsels veränderten sich.
Und Untersuchungen zeigen bei Katzen mit phosphorreicher Ernährung zusätzlich Veränderungen der Nieren. In einer Studie sank innerhalb von vier Wochen die Nierenfiltration und im Ultraschall waren Veränderungen sichtbar. Der Versuch wurde daraufhin vorzeitig beendet.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30572965
Natriumtripolyphosphat wurde bei Katzen außerdem gezielt nach einer einzelnen Mahlzeit untersucht. Dabei wurden Veränderungen im Phosphat- und Calciumstoffwechsel sowie eine Reaktion des Parathormons gemessen.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34789346
Und beim Hund sieht es auch nicht anders aus
Polyphosphate gelangen genauso in den Körper und werden verstoffwechselt.
In Untersuchungen wurden Hunde über mehrere Monate mit unterschiedlichen Mengen verschiedener Polyphosphate gefüttert, darunter Natriumhexametaphosphat. Bei einer polyphosphatreichen Ernährung über mehrere Monate traten unter anderem Gewichtsverlust und Schäden an den Nierentubuli auf, die als phosphatnephritisähnliche Veränderungen beschrieben wurden.
https://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1080/10915810152630756
Natürlich sind die Mengen aus solchen Untersuchungen nicht automatisch mit jedem Dental-Trockenfutter gleichzusetzen. Sie zeigen aber sehr deutlich, dass diese Stoffe im Körper nicht einfach wirkungslos bleiben.
Weniger Zahnstein unter diesen Bedingungen ist für mich überhaupt kein überzeugendes Argument dafür, meinem Hund oder meiner Katze täglich zusätzliche anorganische Phosphate ins Futter zu geben.
Für mich bleibt Dental-Trockenfutter einfach Trockenfutter, nur mit einem weiteren Problem obendrauf.
Hier kannst du mehr zum Thema Trockenfutter allgemein lesen: Ist Trockenfutter ungesund für Hunde und Katzen? Fakten statt Werbeversprechen

„Nassfutter fördert Zahnstein!“ Stimmt das wirklich?
Ja, Nassfutter kann Plaque und Zahnstein begünstigen. Aber es kommt darauf an, was drin ist.
Zucker und versteckte Zuckerquellen liefern den Bakterien im Zahnbelag Nahrung. Stärkehaltige Zutaten wie Weizen, Mais, Reis, Nudeln, Kartoffeln oder Erbsen können sich zusammen mit Speichel zu einem klebrigen Brei verbinden, der sich um die Zähne legt. Stärke wird auch zu Zucker aufgespalten. Wieder Futter für die Bakterien. Ein gutes Nassfutter sollte deshalb vor allem aus Fleisch und sinnvollen tierischen Bestandteilen bestehen und nicht mit Zucker, Getreide oder großen Mengen anderer Stärkequellen vollgestopft sein.
Wenn Trockenfutter nicht putzt? Was dann?
Was Plaque und Zahnstein wirklich den Kampf ansagt
Bei einem zähen, faserigen Kauartikel muss der Hund oder die Katze wirklich arbeiten. Beißen, ziehen, reißen und länger darauf herumkauen. Dabei reibt das Material an den Zahnoberflächen entlang und kann Beläge mechanisch lösen.
Genau dafür braucht es keine steinharten Stückchen. Viel wichtiger ist, dass das Tier eine Weile damit beschäftigt ist und das Material beim Kauen tatsächlich an den Zähnen entlang reibt.
Katzen kauen dabei anders als Hunde. Ihre Zähne sind vor allem dafür gemacht, Beute festzuhalten und Fleisch zu zerteilen. Deshalb passen größere Fleischstücke oder andere Kauartikel, die sie mit den Backenzähnen richtig bearbeiten müssen, viel besser zu ihrem natürlichen Kauverhalten.
Kauartikel, bei denen die Zähne von Hund und Katze wirklich arbeiten
Für Hunde gibt es jede Menge Möglichkeiten, natürlich spielt die Qualität auch hier eine enorme Rolle. Am besten sind getrocknete Teile wie Sehnen, Rinderohren, größere Stücke Fleisch, Pansen oder getrockneter Magen. Auch rohe fleischige Knochen kommen infrage, wenn sie zur Größe und zum Kauverhalten des Hundes passen. Gekochte Knochen dagegen bitte nicht. Die können spröde werden und splittern.
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Das zeigt übrigens auch die Untersuchung mit den 1.350 Hunden von oben: Je mehr verschiedene Kaumaterialien die Hunde zur Verfügung hatten, zum Beispiel Rinderhaut, Knochen oder Kauspielzeug, desto weniger Zahnstein, Zahnfleischentzündungen und Abbau des Knochens rund um die Zähne zeigten sich. Das Futter allein machte kaum einen Unterschied, das Kauen schon.
https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/089875649601300304
Bei Katzen ist es manchmal etwas schwieriger, weil längst nicht jede Katze Lust auf Kauartikel hat. Größere Stücke getrocknetes Fleisch oder getrockneter Magen sind aber auf jeden Fall einen Versuch wert. Unsere Katzen lieben getrocknete Hähnchenhälse und getrocknete Hähnchenmägen. Man kann sie richtig gut beobachten, wie sie daran „arbeiten“ bis sie es gefressen haben. Das dauert einige Minuten aber es bleibt nie etwas übrig. Am Ende ist genau das der Punkt: Das Tier soll wirklich etwas zu kauen haben. Nicht einmal knack und weg.
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Fazit:
Kaum ein Trockenfutter-Märchen hält sich so hartnäckig wie der angebliche Zahnputz-Effekt.
Dabei wird es richtig interessant, wenn man genauer hinschaut. Wie viel Reinigung schafft normales Trockenfutter tatsächlich? Warum funktioniert spezielles Dentalfutter plötzlich deutlich besser? Und was steckt hinter diesen erstaunlichen Ergebnissen? Zahlt das Tier dafür einen Preis?
Für gesunde Zähne braucht es vor allem eines: richtig kauen. Beißen, reißen, arbeiten. Genau das, wofür die Zähne von Hund und Katze gemacht sind.
Du bist dir unsicher, welches Futter wirklich zu deinem Hund oder deiner Katze passt und worauf du bei den Zutaten achten solltest? Genau dabei helfe ich dir in meiner kostenlosen Futterberatung.
Wenn du dich noch genauer mit Trockenfutter beschäftigen möchtest, könnten dich auch diese Artikel interessieren:
Hunde: 33 Gründe gegen Trockenfutter für Hunde: Diese Liste solltest du kennen
Katzen: 33 Gründe gegen Trockenfutter für Katzen: Diese Liste solltest du kennen
Häufige Fragen:
Normales Trockenfutter hat keinen zuverlässigen Zahnputz-Effekt. Die Stückchen zerbrechen meist viel zu schnell und erreichen gerade den Zahnfleischrand kaum – also genau die Stelle, an der sich Plaque besonders gerne sammelt. Nur weil ein Futter hart ist, bedeutet das noch lange nicht, dass es beim Fressen die Zähne reinigt.
Bestimmtes Dental-Trockenfutter kann Zahnstein tatsächlich reduzieren. Die Stückchen sind häufig größer oder speziell aufgebaut. Teilweise werden zusätzlich Polyphosphate wie Natriumhexametaphosphat oder Natriumtripolyphosphat eingesetzt. Sie binden Calcium im Speichel und können dadurch die Mineralisierung von Plaque zu Zahnstein reduzieren. Der Effekt kommt also nicht einfach daher, dass das Tier auf hartem Trockenfutter herumkaut.
Ja, auch Nassfutter kann Plaque und Zahnstein begünstigen. Entscheidend ist für mich deshalb nicht einfach „nass oder trocken“, sondern was im Futter steckt. Zucker, Getreide und größere Mengen stärkehaltiger Zutaten können den Bakterien im Zahnbelag zusätzlich Nahrung liefern. Ein hochwertiges, fleischreiches Nassfutter ist deshalb etwas völlig anderes als irgendein stark verarbeitetes Nassfutter.
Stärkehaltige Zutaten können sich zusammen mit Speichel zu einem klebrigen Brei verbinden, der an den Zähnen hängen bleibt. Stärke wird außerdem zu Zucker aufgespalten und der liefert den Bakterien im Zahnbelag Nahrung. Bleibt Plaque auf den Zähnen, kann sie sich durch Mineralstoffe aus dem Speichel schließlich zu Zahnstein verhärten.
Für Hunde eignen sich zum Beispiel getrocknete Sehnen, Rinderohren, größere Fleischstücke, Pansen oder getrockneter Magen. Auch rohe fleischige Knochen können je nach Hund infrage kommen. Wichtig ist vor allem, dass der Hund wirklich etwas zu tun hat: beißen, reißen und kauen.
Bei Katzen kann man es mit größeren getrockneten Fleischstücken, getrocknetem Magen oder Hähnchenhälsen versuchen. Wichtig ist auch hier, dass die Katze den Kauartikel wirklich mit den Zähnen bearbeiten muss: beißen, reißen und kauen.






